05. März 2018

Ideologische Gräben und heilige Kühe: neue Reformkultur dringend notwendig

Am vergangenen Mittwoch lud die Initiative NEUSTART SCHULE zur Bildungsarena mit dem Thema „Neustart in der Bildungspolitik? Über heilige Kühe und ideologische Gräben“. Knapp 100 Gäste und das perspektivenreich besetzte Podium diskutierten zum Auftakt der neuen Legislaturperiode über neue Reformqualität und gemeinsame Ziele.

Ein Kurzimpuls von Martin Netzer (Gesamtkoordinator Bildungsreform im BMBWF) lieferte einen Überblick der geplanten Vorhaben, wonach im Fokus die Themen Elementarbildung, Sprachförderung und Bildungspflicht stünden.

In einer ersten Reaktion sprach sich Konrad Krainer (Universität Klagenfurt) dafür aus, mehr Gelassenheit in die Diskussion einzubringen. Neben einer ersten Bewertung der Regierungspläne – er ortet viel Positives - plädierte er im Sinne der Bildungseinrichtungen für die dringende Notwendigkeit längerfristiger Reformvorhaben: „Wir sollten die Teamkultur in den Schulen stärken, aber die Bildungseinrichtungen müssen auch die Chance haben, sich auf Neuerungen einstellen zu können – das geht nur, wenn etwas Planbares, Verlässliches am Tisch liegt.“ 
Bernhard Hofer (Gründer und Geschäftsführer von Talentify) wollte sich auf eine Bewertung des Regierungsprogrammes erst gar nicht einlassen: „Papier ist geduldig, für mich zählt das, was wirklich umgesetzt wird!“ Er möchte sich lieber darüber unterhalten, wie Veränderungen ins System gebracht werden könnten, wobei eines seiner Hauptanliegen die Entpolitisierung von Bildung ist: „Das Denken im 5-Jahres-Zyklus einer Legislaturperiode ist demokratiepolitisch höchst gefährlich.“ Vielmehr wünscht er sich einen gemeinsamen Prozess und gesellschaftlichen Konsens zur Definition dessen, was uns bei Bildung wichtig sei. Sogar in der österreichischen Verfassung seien Chancengerechtigkeit und Teilhabegerechtigkeit festgehalten, dem komme das System jedoch bei weitem nicht nach.

Empathischere Diskussion und weniger Defizitorientierung
Der Fokus auf Sprachförderung sei gut und wichtig, so Sanja Biwald, Pädagogin an der Volksschule Rothenburgstraße: „Ich habe selbst Migrationshintergrund und würde mir wünschen, dass das Potential von Mehrsprachigkeit auch tatsächlich als solches gesehen wird.“ Die aktuelle Diskussion erlebe sie als stark defizitorientiert, dabei sei eine andere Erstsprache als Deutsch eine wertvolle Ressource, die am Arbeitsmarkt später gefragt sein wird. Christian Friesl, Initiator von Neustart Schule schloss in Bezugnahme auf die Regierungspläne an: „Dass wir nun alle Bildungsagenden in einem Haus haben, ist zweifellos ein riesiger Fortschritt. Aber bei Bildung steht klar das Fördern von Kindern und Jugendlichen im Mittelpunkt – da würde ich mir bei manchen Themen eine etwas empathischere Diskussion wünschen.“

Evidenzen versus Testungsaufwand
Martin Netzer versicherte, dass die Politik nun stärker auf Evidenzen vertraue, als dies noch vor einigen Jahren der Fall war. „Was mich aber irritiert ist die Tatsache, dass z.B. 30% der PädagogInnen die Ergebnisse der Bildungsstandards nicht einmal abrufen – das heißt: es interessiert sie nicht, wie ihre eigenen SchülerInnen abgeschnitten haben.“ Er spricht sich für verlässliche Daten aus, die im Rahmen der autonomen Schule auch als wertvolle Information für die Schulleitung dienen soll.
Sanja Biwald ergänzte dazu aus pädagogischer Sicht: „Wir brauchen Evidenzen, die uns etwas bringen. Wenn in der 4. Klasse geprüft wird und ich ein dreiviertel Jahr später die Testergebnisse bekomme, sind die Kinder schon längst in der nächsten Schule.“ Sie wünscht sich, dass diese Tests auch Konsequenzen haben: „Ich brauche diese Ergebnisse als Möglichkeit, meine SchülerInnen gezielt zu fördern.“ Für Konrad Krainer ist ein zusätzlicher Testungsaufwand der falsche Weg: „Evidenzbasierung ist ein schillernder Begriff. Das heißt nichts anderes als Daten erheben, diese kritisch analysieren und darauf aufbauend Maßnahmen entwickeln. Und da haben wir noch riesigen Aufholbedarf.“ Zusätzliche Testungen seien ja im Rahmen der neuen Bildungspflicht geplant, Christian Friesl gibt sich dazu gespannt: „Wir hoffen, dass mit der Bildungspflicht am Ende der Grundbildung bessere Ergebnisse stehen.“ Und befürchtet gleichzeitig, dass letztlich ein Gesetzestext von einer ExpertInnengruppe entworfen wird, an dessen Ende nach allen Abstimmungsmühlen nur mehr ein Drittel des eigentlichen Vorhabens übrigbleibe. „Meine Bitte an die politisch Verantwortlichen ist es, einen Prozess zu starten bei dem möglichst alle Beteiligten darüber nachdenken, was am Ende der Grundbildung rauskommen soll. Ich wünsche mir zum Ende der Grundbildung einen herzeigbaren Abschluss, der attraktiv und erstrebenswert ist. Mit dem junge Menschen wissen, dass sie gute Chancen im Leben haben.“

Mit einer GONDEL zu neuer Reformkultur
„Das einfachste Rezept von Leadership ist, Strukturen erst dann aufzubauen, sobald die Strategie feststeht“, so Bernhard Hofer, der auch an unterschiedlichen Hochschulen Leadership unterrichtet. Er endete mit einem Appell: „Wir stürzen uns als Mob immer liebend gerne auf die kleinen Themen wie Ziffernoten oder Herbstferien, und dabei kommt die Vision gar nicht vor. Machen wir doch den Leuten in den Schulen die Arbeit nicht so schwer! Schaffen wir Bedingungen, dass die Leute den Job gut machen und mit den Kindern arbeiten können.“

Konrad Krainer glaubt zu wissen, wie eine neue Reformkultur gelingen kann: Wir brauchen eine GONDEL: Gelassenheit – Optimismus – Nachhaltigkeit & Zukunftsorientierung – Dialog & Gemeinsamkeit – Evidenzbasierung – Lernen & Freude (für SchülerInnen, PädagogInnen und auch das Ministerium).“

 

Am Podium:

  • Sanja Biwald, Pädagogin VS Rothenburgstraße
  • Christian Friesl, Initiator NEUSTART SCHULE
  • Bernhard Hofer, Gründer und Geschäftsführer Talentify
  • Konrad Krainer, Institut für Unterrichts- und Schulentwicklung Universität Klagenfurt
  • Martin Netzer, Gesamtkoordinator Bildungsreform im BMBWF

Moderation: Martina Salomon (Kurier)

 

Die Ergebnisse der im Vorfeld stattgefundenen Community-Umfrage zum Regierungsprogramm, welche auch im Zuge der Bildungsarena vorgestellt wurden, gibt es HIER zum Nachlesen.

 

Fotos der Veranstaltung:

 

 

Gesamte Veranstaltung zum Nachschauen:

 

 

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